Der Preis der Schönheit – 100 Jahre Wiener Werkstätte

Autor/en: Peter Noever (Hrsg)
Verlag: MAK und Hatje Cantz Verlag
Erschienen: Wien und Ostfildern-Ruit 2003
Seiten: 448
Ausgabe: Hardcover mit geprägtem Kunststoff-Dekor
Preis: EUR 48.50
ISBN: 3-7757-1410-3
Kommentar: Michael Buddeberg, April 2004

Besprechung:
Blumenhocker, Gefäße aller Art, Vasen und Tischgerät aus quadratisch durchbrochenem Lochblech, weiß lackiert oder im kühlen Silberglanz sind wohl die bekanntesten Identifikationsprodukte der Wiener Werkstätte. Sie stehen gleichermaßen für die beiden Gründer, Koloman Moser und Josef Hoffmann, wie für den strengen und konstruktiven Stil, mit dem eine Wiener Elite von Architekten, Handwerkern und Künstlern am Anfang des 20. Jahrhunderts das „Fin de Siecle“ und den Historismus zu überwinden suchte. Doch dieses „Lochblechdesign“ oder, wissenschaftlicher ausgedrückt, das Quadrat als grundlegendes Konstruktions- und Dekorprinzip war nur der Anfang, war der Ausgangspunkt der 1903 zunächst als reine Metallwerkstatt gegründeten Wiener Werkstätte. Es folgten bald eine Tischlerei und Buchbinderwerkstatt, Leder wurde verarbeitet und schließlich kamen Arbeiten in Keramik und Glas hinzu, Textilien und Mode. Der Anspruch der Wiener Werkstätte, alle Bereiche des menschlichen Lebens mit Kunst zu durchdringen wurde rasch Programm, und schon 1905 stellte sich die Wiener Werkstätte in einer Broschüre selbst so vor: „Sie erzeugt alle Arten kunstgewerblicher Gegenstände und übernimmt die Einrichtung und den Bau ganzer Häuser.“ In der Gestaltung solcher Gesamtkunstwerke, von denen heute nur noch das berühmte Palais Stoclet in Brüssel als herausragendes Beispiel vollständig erhalten ist, liegt die eigentliche Bedeutung der Wiener Werkstätte. Und doch war ihr zu ihrer Zeit ein wirklich großer Erfolg nicht beschieden, schon gar nicht in Wien. Der kleine Kreis vermögender Gönner und Auftraggeber aus dem vorwiegend jüdischen Wiener Großbürgertum fiel nach 1918 zunehmend weg. Das Ende war dann nur noch eine Frage der Zeit. Nach einem krisengeschüttelten Jahrzehnt wurde die Wiener Werkstätte 1932 endgültig geschlossen. Die von dieser zunftartigen Vereinigung gesetzten Impulse wirkten jedoch fort und führten im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis heute zu einer steigenden Beachtung und Nachfrage der Designprodukte von Josef Hoffmann, Koloman Moser, Michael Powolny und anderen. Dabei blieben Programm und Ziele der Wiener Werkstätte weitgehend unbekannt. Die nun vom Wiener MAK zum 100sten Geburtstag ausgerichtete, umfassende Retrospektive der Wiener Werkstätte macht vor allem mit diesem Programm, bekannt. Der Anspruch auf ganzheitliche Durchdringung aller Lebensbereiche nach ausschließlich ästhetischen Kriterien stand im Vordergrund jeder produktiven Äußerung. Die Ausstellung ist damit für die Geschichte von Architektur und Design im 20 Jahrhundert von großer Bedeutung, und das zu ihrem Anlaß erschienene Katalogbuch ein sehr wichtiges und bleibendes Dokument. Einführende Essays zeigen die Einbindung der WW in den Zeitgeist der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die wichtigen Wechselwirkungen mit zeitgleichen Ideen aus Frankreich, Belgien, England und Schottland, den Einfluß vor allem der englischen Arts & Crafts Bewegung und von Künstlern wie Mackintosh und van de Velde ebenso wie die Fortwirkung und Aktualität der WW bis in die Gegenwart. Der streng chronologisch aufgebaute Katalogteil zeigt nebeneinander Bekanntes und Überraschendes. Überraschendes vor allem dort, wo der strenge, konstruktive Stil verlassen wird und etwas Spielerisches hinzutritt, etwa in den Arbeiten eines Dagobert Peche. Die Arbeiten der Wiener Werkstätte spiegeln, so meint der Herausgeber im Vorwort, die österreichische Seele, die neben ihrem Anspruch auf Gemütlichkeit, Charme und gutes Benehmen, neben der Betonung des Stils, auch einen Hang zur Skurilität und Dekoration aufweist. Die mit dem Austritt Koloman Mosers aus der Wiener Werkstätte einsetzende Abwendung von rein geometrischen Formen und die zunehmende Aufnahme floraler und dekorativer Elemente in die Produktion bestätigen diese Sichtweise. Hervorzuheben sind die Fülle alter Fotos von Architektur und Interieurs und die zahlreichen Hinweise und Abbildungen auf das textile Schaffen der Wiener Werkstätte. Es ist nur wenig bekannt, daß der Bereich Mode und Textilmuster seit 1911 bis zur Schließung einer der erfolgreichsten Zweige der Wiener Werkstätte war. Design und Ausstattung des Katalogbuches beschreiten neue Wege. Ob die rundum orangefarbene Gestaltung und der aufgeklebte, geprägte Kunststoffdeckel den ästhetischen Ansprüchen der Wiener Werkstätte gerecht werden, kann kontrovers diskutiert werden.

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