Himalaya – Wege des Buddhismus (Tibet, Bhutan, Meditationen)

Autor/en: Matthieu Ricard
Verlag: Knesebeck Verlag
Erschienen: München 2012
Seiten: 590
Ausgabe: 3 broschierte Bände im Schmuckschuber
Preis: € 39,95
ISBN: 978-3-86873-432-4
Kommentar: Michael Buddeberg, Oktober 2012

Besprechung:
Was hier vom Verlag als typisches Geschenkset mit wunderschönen Farbbildern angeboten wird, ist weit mehr. Es sind leicht verkleinerte Sonderausgaben von zwei sehr empfehlenswerten aber längst nicht mehr lieferbaren Büchern über Tibet und Bhutan, ergänzt um einen fotografischen Leckerbissen: Mathieu Ricard, ein französischer Molekularbiologe und Arzt mit künstlerisch-philosophischem Background, konvertierte vor fast einem halben Jahrhundert zum Buddhismus, wurde Mönch und enger Vertrauter eines der großen buddhistischen Lehrer und Meister. Er hat dazu das Auge und die Obesssion eines professionellen Fotografen. So hatte er nicht nur auf den Reisen mit seinem Lehrer und Meister Dildo Khyentse Rinpoche in Tibet und Bhutan stets die Kamera zur Hand (daraus resultieren die beiden nachfolgend besprochenen Bände), sondern auch während eines viele Monate währenden, ganz der Meditation und dem Gebet gewidmeten Retreat in einer einsamen Einsiedelei in den Bergen Nepals. Fast alle der in dem Band „Meditationen“ publizierten Fotos entstanden während dieses Retreat zu unterschiedlichen Tageszeiten und Witterungsbedingungen, ein fotografisches Dokument über den Zauber, die Dramatik und die unendliche Vielfalt einer sich ständig wandelnden himalayischen Landschaft.

Die Besprechungen der Bücher über Tibet (Februar 2007) und Bhutan (April 2009) werden nachfolgend so wie damals publiziert wiedergegeben:

Tibet – Mit den Augen der Liebe. Als im Sommer 2006 der erste Zug aus China in den neu errichteten Bahnhof in Lhasa einfuhr sahen das viele als den letzten und entscheidenden Akt in der traurigen Geschichte vom Untergang des alten Tibet. Und in der Tat: Zwar ist noch immer der ehrwürdige Potala Palast, eines der schönsten und machtvollsten Bauwerke der Welt, das Wahrzeichen dieser Stadt, doch das Häusermeer zu seinen Füßen hat mit dem alten Lhasa nicht mehr viel zu tun. Das Lhasa von heute ist eine moderne chinesische Großstadt, die sich von anderen chinesischen Städten vielleicht durch größere Sauberkeit und gelegentlich durchaus ansprechende Architektur unterscheidet, in der aber tibetische Pilger, die mit rotierenden Gebetsmühlen versuchen, den Lingkor, den um das alte Lhasa führenden großen Pilgerweg, im dichten Verkehr und im Dschungel einer chinesischen Konsumwelt wiederzufinden, als exotische Fremdkörper erscheinen. Auch in dem immer kleiner werdenden alten Zentrum Lhasas dominieren mehr und mehr chinesische Touristen und verwandeln den Barkhor und den Jokhang Tempel, einst das Zentrum der tibetisch buddhistischen Welt, in ein Freilichtmuseum und die wenigen Tibeter zur Staffage. Das ist Absicht. Was den chinesischen Machthabern mit einem halben Jahrhundert schierer Gewalt nicht gelungen ist, könnte nun auf weit subtilere Art und Weise vollendet werden: Die Transformation einer vor allem auf Spiritualität gegründeten Hochkultur in ein Objekt musealer Präsentation chinesischer Geschichte. Wer die Veränderung Lhasas in den vergangenen zwanzig Jahren beobachtet hat, mag das durchaus so empfinden. Parallel dazu zeichnet sich aber genau in diesem Zeitraum der Beginn einer hoffnungsvollen Renaissance tibetischer Kultur ab, auch wenn sich dies unter dem Joch eines totalitären Regimes vollzieht. Zahlreiche Klöster wurden wieder aufgebaut und eine stets wachsende Anzahl von Mönchen und Nonnen erhielten die Erlaubnis, ihre Studien und ihre spirituelle Praxis wieder aufzunehmen. Matthieu Ricard, Franzose und promovierter Arzt, der seit mehr als dreissig Jahren als buddhistischer Mönch im Himalaya lebt, zudem ein begnadeter Fotograf, will mit diesem Buch ein Zeugnis ablegen, dass die Welt des alten Tibet fortbesteht und dass die Seelenkraft und Entschlossenheit der Tibeter einen hoffnungsvollen Weg in die Zukunft weist. Natürlich sieht auch Ricard die Veränderungen und Risiken, etwa den durch Abholzung riesiger Flächen betriebenen Raubbau an der Natur, das nahezu vollkommene Verschwinden der Wildtierbestände und den Rückgang tibetischer Sprachkultur durch die chinesische Amtssprache. Aber er zeigt in unübertroffenen Bildsequenzen, was vom traditionellen Tibet noch fortbesteht. Das ist zunächst die Unermesslichkeit und Schönheit seiner weithin noch unverdorbenen Landschaften, die zweifellos die Entwicklung und die Tiefe dieser tausendjährigen buddhistischen Zivilisation begünstigt haben und es ist die nomadische und bäuerliche Bevölkerung, die aus dieser Umwelt und einer reichen Tradition eine erstaunliche geistige Kraft bezieht. In ausgewählten Kapiteln führt Ricard in die traditionelle Welt der Mönche, Lamas und Novizen, zeigt die Bedeutung und den Ablauf von Pilgerreisen und lässt den Leser und Betrachter teilhaben an der Schönheit und Fröhlichkeit nomadischer Feste. Die Rückkehr des großen Lama Dilgo Khyentse Rinpoche (1910-1991), eines der Lehrer des Dalai Lama, aus dem Exil in sein osttibetisches Stammkloster im Jahre 1988 war ein solches Fest, das gar nicht anders als ein optimistisches Signal für die Zukunft interpretiert werden kann. Wir sind mit dabei bei einer Pilgerreise im Jahr des Holzaffen (2004), die unter anderem zum „Türkissee, wo der Schneelöwe brüllt“ und zur Einsiedlerhöhle Karma Taksang, der „weißen Höhle des Tigers“ führt. Und wir besuchen schließlich nach einem Reiterfest zu Ehren des Gesar von Ling, einer legendären Heldengestalt des alten Tibet, die Druckerei in Derge, eines der bedeutendsten spirituellen Zentren Tibets, und lesen über die kaum glaubliche zweifache Rettung dieses Weltkulturerbes, einmal, 1966, vor den roten Garden und, zehn Jahre später, vor der Bauwut tibetischer Behörden, die für den Bestand der hundertausende alter Holzdrucktafeln einen feuerfesten Betonbau errichten wollten. Großartige Portraits von Kindern und Mönchen, von Lamas und Einsiedlern und von Nomaden und Bauern zeigen, dass Ricard diesen Menschen und diesem Land so nahe ist, als wäre er einer von ihnen. Und so ist zu hoffen, dass er recht hat mit der Feststellung, dass das Pendel in Richtung Tibet ausschlägt und den Beginn einer Erneuerung ankündigt. Zu hoffen ist auch, dass dieses außergewöhnlich schöne und besondere Buch über Tibet großen Erfolg haben wird, denn alle Einkünfte des Autors, die ihm als dem Urheber von Texten und Bildern zufließen, kommen dem Bau von Schulen, Brücken und medizinischen Zentren in Tibet zugute.

Bhutan – Buddhistische Kultur und spiritueller Alltag im Reich der Könige. Nur selten wurde einem buddhistisch-spirituellen Meister und Lehrer so viel literarische und fotografische Aufmerksamkeit zuteil wie Dilgo Khyentse Rinpoche (1919-1991), einem der Lehrer des 14. Dalai Lama. Das ist einem seiner Schüler zu verdanken. Paul Ricard, Franzose, promovierter Arzt, Wissenschaftler, seit Jahren der offizielle französische Dolmetscher und Übersetzer des Dalai Lama, ist ein Mann der Feder und ein begnadeter Fotograf. Und er ist seit einem halben Menschenleben buddhistischer Mönch und hat als solcher seinen großen Lehrmeister Khyentse Rinpoche auf vielen Reisen im Westen, auf seinem spektakulären Besuch in seinem osttibetischen Stammkloster und immer wieder nach Bhutan begleitet. Khyentse Rinpoche lebte seit seiner Flucht aus Tibet ab 1959 lange Jahre in Bhutan und so hat Paul Ricard dieses kleine, über Jahrhunderte kaum zugängliche und von der Außenwelt fast vergessene buddhistische Königreich im Himalaya schon früh und ganz von innen kennen gelernt. An der Seite seines Lehrers hat Ricard religiöse Zeremonien und Rituale erlebt, an denen teilzunehmen noch heute den meisten Besuchern des Landes verwehrt ist, und er hat mehrfach und längere Zeit in bhutanischen Dörfern gelebt und den Alltag mit den Menschen aus Bhutan geteilt. Die Kamera war stets dabei und so zeigt uns Ricard mit seinem Buch über Bhutan das, was in den immer zahlreicher werdenden Publikationen über dieses Land fast immer fehlt, der Blick in die Klöster, der Blick auf eine intakte traditionelle buddhistische Kultur und ihre Feste und Rituale. In prächtig mit Malerei und reichem textilen Schmuck ausgestatteten Tempeln, durch die bhutan-typischen „Kleeblattbogenfenster“ in geheimnisvolles Licht getaucht, dürfen wir an der mehrtägigen Gebetszeremonie der Großen Vervollkommnung teilnehmen, erleben eine Lichtopferfeier, ein von Khyentse Rinpoche zelebriertes Feuerritual und sind beim Werden und Vergehen eines Sandmandala dabei, wie es mit großer Sorgfalt und Kunstfertigkeit aus buntem Sand „gemalt“ und zum Gegenstand der „drupchen“-Zeremonie wird, um schließlich, Zeichen der Vergänglichkeit alles Irdischen, zerstört und in feierlicher Prozession brokatgewandeter Mönche in die Strömung des nahe gelegenen Flusses gestreut zu werden. Vor allem die Aufnahmen aus den frühen 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Khyentse Rinpoche diese Feiern vornahm, sind eindrucksvolle Dokumente aus dem spirituellen Leben Bhutans. Dazu gehören die öffentlichen Klosterfeste „tsechu“, zu denen sich Hunderte von Gläubigen und Pilgern einfinden, wenn Mönche die traditionellen Cham-Tänze vorführen. Einst zur Tradition aller dem Mahayana-Buddhismus anhängenden Gesellschaften gehörig, sind ihre Inhalte und Formen in der Mongolei und in Tibet zum Teil vergessen, zum Teil mit moderner Folklore verfremdet und werden nur noch in Bhutan in ihrer traditionellen Choreographie gepflegt und gezeigt. Die phantastischen Masken und Kostüme der Tänzer – stets Mönche des Klosters – ihre Sprünge, Pirouetten und tänzerischen Aktionen haben symbolische Bedeutung, sind Mittel der Meditation und des spirituellen Austausches mit der Gemeinschaft der Gläubigen. Sie dienen der Befreiung im Sinne der Reinigung von den Geistesgiften Hass, Begehrlichkeit, Unwissenheit, Hochmut und Neid, die den inneren Frieden verhindern. Innerer Frieden, eine allgegenwärtige Harmonie und Schönheit dominiert auch in allen anderen Kapiteln des Buches, ob sie nun von der Architektur, der Landschaft, den Menschen oder ihrem Kunsthandwerk berichten. Da sind die eindrucksvollen Klosterburgen, fast alle von dem Einiger und Gründer Bhutans, Shabdrung, Ngawang Namgyel (1594-1651), als Klöster und Verwaltungszentren und fast immer an geomantisch und strategisch herausragender landschaftlicher Position errichtet. Mit diesen einzigartigen Klosterfestungen entwickelte sich der durch Harmonie und Schönheit ausgezeichnete und auf Bhutan beschränkte Baustil, der bis heute das einfache Bauernhaus ebenso prägt wie Hotel- und Verwaltungsbauten in der Hauptstadt Thimpu. Da ist die atemberaubende klimatische und landschaftliche Vielfalt eines kleinen Gebirgslandes, dessen Höhenlage sich von 80 Metern bis zum Gipfel des Kula Kangri mit seinen 7554 Metern erstreckt und dessen Wäldern voller Heilkräuter, Orchideen und Rhododendren stehen. Und da ist die heitere Gelassenheit der Menschen in Bhutan, die Spiritualität und Alltagsleben zu einer untrennbaren Einheit verbunden haben und denen es bis heute gelungen ist, die buddhistische Kultur mit den Errungenschaften der modernen Welt zu verbinden. Schließlich besuchen wir das berühmte Tigernest, ein spektakulär in eine Felswand hineinkomponiertes Kloster hoch über dem Paro-Tal, Zentrum eines heiligen Bezirkes mit weiteren Tempeln, Einsiedeleien und Heiligen Grotten, die nur durch mehr oder weniger ausgesetzte Steige erreichbar sind. Paul Ricards Buch über die buddhistische Kultur und den spirituellen Alltag im Königreich Bhutan ist das zur Zeit am meisten zu empfehlende Buch über dieses ungewöhnliche Land, das auch aktuelle Informationen über die Dynastie der Wangchuk und die Erfolge eines bewusst in Bildung, Gesundheitswesen und Ökologie investierenden Landes enthält.

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