Buddhist Sculptures of the Alain Bordier Foundation

Autor/en: Ulrich von Schröder
Verlag: Visual Dharma Publications Ltd.
Erschienen: Hong Kong 2010
Seiten: 64
Ausgabe: Klappenbroschur
Preis: ca SFR 20.–
ISBN: 978-962-7049-14-2
Kommentar: Michael Buddeberg, September 2010

Besprechung:
Der legendäre tibetische König Songsten Gampo muß eine ungemein charismatische und machtvolle Person gewesen sein. Er führte sein Land aus einer nur nebelhaft wahrnehmbaren animistischen Vorzeit in die historische Präsenz und hatte den Weitblick aber auch die Macht, sich aus den angrenzenden Reichen Prinzessinen zur Frau zu nehmen. Diese beiden aus China und Nepal auf das Dach der Welt geholten Frauen – so berichtet die Legende – brachten im siebten Jahrhundert erstmals den Buddhismus nach Tibet. Doch damals gab es in dem vorwiegend nomadisch geprägten Land nicht die – wie wir heute sagen würden – erforderliche Infrastruktur für die Herstellung der in Praxis und Ritual des Mahayana-Buddhismus benötigten Statuen und Bilder. So wird Songtsen Gampo wohl auch Künstler und Handwerker aus fremden Ländern nach Tibet geholt haben und steht daher neben dem Beginn von Wissenschaften und Schriftkultur auch für den Anfang der tibetisch-buddhistischen Kunst. Als dann der große indische Magier Padmasambhava einhundertfünfzig Jahre später durch die Unterwerfung zahlreicher Dämonen den Pantheon buddhistischer Gottheiten bereicherte und die Klosterkultur in Tibet begründete, gab es erneut Arbeit für ausländische Kunsthandwerker und Architekten. Und wieder, im Rahmen der von Westtibet ausgehenden so genannten zweiten buddhistischen Bekehrung Tibets im späten 10. Jahrhundert, waren es Künstler aus den Nachbarländern, die die materielle tibetische Kultur jener Zeit prägten. Alle diese Maler, Bildhauer und Architekten schufen ihre Werke in dem Stil, den sie aus ihren Heimatländern mitbrachten. Ihre tibetischen Schüler übernahmen diese Stilmerkmale, und erst in einer sich über lange Zeit erstreckenden Entwicklung bildete sich aus diesen vielfältigen Einflüssen ein eigener, spezifisch tibetischer Stil heraus. Die von Ulrich von Schröder in seinem Buch über die Skulpturen der Alain Bordier Stiftung vorgenommene Einteilung der dort vorgestellten 48 buddhistischen Figuren nach ihren stilistischen Merkmalen – und nicht wie sonst üblich nach ihrer ikonographischen Bedeutung und Rangfolge – ist daher zugleich ein chronologisch und geografisch gegliederter Einblick in die tibetische Kunstgeschichte. So kommen die frühesten Skulpturen der Sammlung, zwei wundervolle Avalokiteshvaras, aus dem nordwestindischen Swat-Tal, gefolgt von Figuren aus Gilgit und Kaschmir. Die buddhistischen Zentren im Nordwesten Indiens, Bengalen und Burma, aber auch Zentralasien und natürlich China, mit seinen grenznahen Provinzen Sichuan, Gansu, schließlich sogar der ferne Kaiserhof in Peking, hatten maßgebenden Einfluss auf die angrenzenden tibetischen Regionen, so dass sich die Kunst Westtibets anhand ihrer Stilmerkmale von Kunstwerken aus Amdo oder Cham oder aus Zentral- und Südtibet unterscheiden lässt. Die in dem ersten europäische Tibet-Museum in Gruyères ausgestellte Sammlung von Alain Bordier umfasst mehr als einhundert buddhistische Skulpturen und es dürfte weltweit nur wenige Sammlungen geben, die die Entwicklung der tibetischen buddhistischen Skulptur von ihren frühesten Anfängen unter Songtsen Gampo bis zu sinotibetischen Bronzen des 18. Jahrhunderts in solch herausragender Qualität dokumentieren. Mit den nunmehr zwei von Ulrich von Schröder für die Alain Bordier Stiftung herausgegebenen Museumspublikationen (siehe die Buchbesprechung: „Tibetische Kunst der Alain Bordier Stiftung“ im Mai 2010) werden nicht nur Sammlung und Museum glänzend präsentiert, sondern es liegt ein Werk vor, das in knapper Form und illustriert durch erlesene Kunstwerke in die Grundlagen und die Entwicklung tibetisch-buddhistischer Kunst mit dem Schwerpunkt der Metallskulptur einführt. Der Schlusssatz aus der Besprechung des ersten Bandes der beiden Museumsführer kann daher mit einer kleinen Ergänzung hier wiederholt werden: Alain Bordiers ausgeprägter Sinn für Schönheit und eine ihm in die Wiege gelegte Leidenschaft zum Sammeln in Verbindung mit der unübertroffenen Kennerschaft Ulrich von Schröders als seines Mentors, haben nicht nur eine bedeutende und sehenswerte Kollektion und das erste europäische Tibet-Museum geschaffen, sondern auch eine knappe, gut verständliche und lesenswerte Monographie zur buddhistischen Kunst Tibets.

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