Reflections of the Divine – Treasures of Tibetan Painting – The Ulrich Wörz Collection

Reflections of the Divine – Treasures of Tibetan Painting – The Ulrich Wörz Collection

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Autor/en:        Olaf Czaja

Verlag:           Jonas Verlag

Erschienen:    Weimar 2018

Seiten:            216

Buchart:         Klappenbroschur

Preis:              € 24,00

ISBN:             978-3-89739-912-9

Kommentar:  Michael Buddeberg

 

Besprechung:

Mit Giuseppe Tuccis monumentalen dreibändigen Werk „Tibetan Painted Scrolls“ begann 1949 die wissenschaftliche Aufarbeitung tibetischer Rollbilder, der Thangkas. Nicht nur ihre Inhalte und die Ikonographie der dargestellten Gottheiten und Personen, sondern vor allem ihr Alter, ihre geographische Herkunft und die stilistische Entwicklung dieser ausschließlich religiösen Malerei sind seither Gegenstand wissenschaftlicher Neugier und einer Reihe fachwissenschaftlicher Publikationen. Thangkas als die neben Statuen wohl bekanntesten und am meisten bewunderten Ausdrucksformen tibetisch buddhistischer Ästhetik sind fast immer anonym und nicht datiert; da zudem aufgrund ihrer leichten Transportierbarkeit Provenienz und Ort der Herstellung meist im Dunkeln liegen, ist die stilistische und geographische Zuordnung schwierig. Eine wesentliche Hilfe zur Lösung dieser Fragen könnte die ortsfeste Wandmalerei in Klöstern und Tempeln bieten, neben den Miniaturen in Manuskripten ein dritter Bereich religiöser Malerei in Tibet. Da jedoch über neunzig Prozent der tibetischen Klöster und Tempel mit ihren unersetzlichen Wandmalereien durch die ideologisch motivierten Zerstörungen während der Kulturrevolution für immer verloren sind, lässt sich aus den verbliebenen Resten, so beeindruckend und großartig sie auch sind, nur wenig für die Zuordnung von Thangkas herleiten. Dennoch stehen heute, hier ist vor allem dem Inder Pratapaditya Pal und dem Amerikaner David Jackson zu danken, Kriterien zur Verfügung, die eine zeitliche und geographische Zuordnung der Thangkas ebenso wie eine Einordnung in verschiedene Stilrichtungen dieser Malerei ermöglichen.

Die Zuordnung und stilistische Beurteilung der 22 Thankas (aus Tibet aber auch aus China und der Mongolei) aus der deutschen Privatsammlung von Ulrich Wörz durch Olaf Czaja, Tibetologe am Institut für Indologie und Zentralwissenschaften der Universität Leipzig, folgt diesen Kriterien und erlaubt eine chronologische Ordnung der Bilder „von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum späten 20. Jahrhundert“. Die daran orientierte, optimistische Erwartung der Präsentation von acht Jahrhunderten Thangka-Malerei wird jedoch enttäuscht, denn der Schwerpunkt der Sammlung liegt ganz klar im 18. und 19. Jahrhundert und damit bei Malstilen, die im Gegensatz zu frühen, von Indien, Kaschmir und Zentralasien geprägten Malereien, einen starken chinesischen Einfluss erkennen lassen. Das ist aber schon die einzige Kritik, denn sowohl die Qualität der Thangkas wie auch deren Beschreibung und kunsthistorische Beurteilung durch den Autor haben höchstes Niveau. Das gilt vor allem für die sorgfältige und vollständige Erklärung der teilweise hochkomplexen Ikonographie. So sind etwa auf einem Vajrabhairava Mandala des 18. Jahrhunderts aus Zentraltibet außer Shakyamuni fast einhundert friedvolle und zornige Gottheiten, Bodhisattvas, Mahasiddhas, und, neben dem siebten Dalai Lama und Padmasambhava zahlreiche tibetische und indische Mönche, Gelehrte und Übersetzer abgebildet, die geholfen haben, die buddhistische Lehre zu verbreiten. Ikonographie und Beschreibung unterstützen das Verständnis der Bilder und ihrer meditativen und spirituellen Funktion und ermöglichen das Erkennen oder Erahnen von Feinheiten der Malerei, die das Abbildungsformat nicht hergeben kann. Dasselbe gilt für die vielen abgebildeten Vergleichsobjekte, also Thangkas mit identischer oder ähnlicher Thematik aus anderen Museen und Sammlungen, etwa aus dem Rubin Museum in New York, aus der im Michigan Museum verwahrten Koelz Collection und vielen anderen mehr. Auch hier erschließen sich Inhalte und Details durch Übereinstimmungen und Abweichungen erst mit der Gegenüberstellung mehrerer Darstellungen desselben Sujets. Zugleich aber werfen solche Vergleiche auch Fragen auf, deren Antwort erst noch gefunden werden muss. So ist die Übereinstimmung von zwei Mahasiddhas auf einem aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammenden Thangka mit Wandmalereien aus dem um 1700 in Lhasa unter dem sechsten Dalai Lama errichteten „geheimen“ Lukhang Tempel verblüffend. War hier ein Kopist am Werk oder folgte der Maler einem über die Jahrhunderte unveränderten, durch Vorlagen festgeschriebenen ikonographischen Zwang?

Die Sammlung Wörz und ihre Bearbeitung durch Olaf Czaja räumt jedenfalls mit dem immer wieder geäußerten Vorurteil auf, dass die tibetische Thangka-Malerei nach ihrem Höhepunkt im 15. und 16. Jahrhundert nie wieder die künstlerische Qualität der frühen Jahrhunderte erreicht habe. Als Beleg für die Unhaltbarkeit dieser Meinung mag hier – für viele weitere – ein zentraltibetisches Thanka des 18. Jahrhunderts mit der Darstellung von Tsongkhapa und Szenen aus seinem Leben erwähnt sein. Feinste Goldmalerei auf rotem Grund zeigt Tsongkhapa auf einem prächtigen Lotos-Thron, umgeben von Episoden seines Wirkens. Diese sind durch die Wiedergabe der Architektur des jeweiligen Ortes gekennzeichnet und trotz der nur symbolhaften und nicht topographischen Wiedergabe der Plätze sind Details, wie etwa der Potala-Palast und seine Umgebung erkennbar. Ein herausragendes Beispiel für die hohe Qualität der Thanka-Malerei im 18. Jahrhundert, das deutlich macht, dass es nicht die künstlerische Qualität ist, sondern nur der persönliche Geschmack, der dem einen oder anderen Stil den Vorzug gibt.

 

 

 

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