The Persian Carpet Tradition – Six Centuries of Design Revolution

The Persian Carpet Tradition – Six Centuries of Design Revolution

 

Autor/en:        P. R. J. Ford

Verlag:           HALI, ACC

Erschienen:    London, Woodbridge 2019

Seiten:            352

Buchart:         Leinen mit Schutzumschlag

Preis:              GBP 50,00

ISBN:             978-1-89811-362-1

 

Kommentar:  Michael Buddeberg

 

1947 entdeckte der russische Archäologe Sergei Rudenko in einem Eisgrab des Altaigebirges den nach seinem Fundort benannten „Pazyryk“, einen fast 2500 Jahre alten Teppich von außerordentlicher künstlerischer und technischer Qualität. Kurt Erdmann, der Doyen der damals weltweit führenden Berliner Teppichforschung schrieb damals an seinem Opus Magnum über die Geschichte des orientalischen Knüpfteppichs, das dann 1955 erschien. Die Entdeckung des Pazyryk war ihm natürlich zu Ohren gekommen aber sie passte so gar nicht in sein tapitologisches Weltbild, wonach sich die Knüpfkunst in nachchristlicher Zeit aus einfachen nomadischen Anfängen bis zu ihrer Hochblüte im 16. Jahrhundert entwickelt hatte. Da es zu jener Zeit schlicht unmöglich war,  zur Aufklärung eines solchen Problems von Berlin nach Leningrad zu reisen, wertete Erdmann den Pazyryk kurzerhand als aufgeschnittenen Noppenstoff und rettete so seine Theorie über die Entstehung des Knüpfteppichs.

Auch zu den persischen Meisterteppichen des 16. Jahrhunderts aus den höfischen Knüpfwerkstätten der Safawiden vertrat Kurt Erdmann eine sehr eigenwillige Meinung: Sie seien bei aller Perfektion und Einzigartigkeit doch nur ein Seitenweg, der das Wesen des Knüpfteppichs verkenne. Im 15. Jahrhundert habe, ausgehend von der Miniaturmalerei eine Revolutionierung der Muster stattgefunden. An die Stelle von Kreuz, Stern und Rosette traten Medaillons und Ranken mit Blüten und Arabesken, an die Stelle kleinteiliger Reihung oder Quadrierung großangelegte, die Mitte der Felds betonende Kompositionen. Diese neuen Formen seien, so Erdmann, durchgehend teppichfremd, zum großen Teil nicht einmal textilgerecht, sie entsprächen nicht dem Kompositionsgesetz des Knüpfteppichs. Die Herrschaft der Buchkunst über die Gestaltung des Teppichs habe dessen Entwicklung gekappt und zugleich beendet – jedenfalls in Persien. Erdmanns Theorie – man ahnt es – hat sich nicht durchgesetzt. Unter Wissenschaftlern wie unter Laien ist heute unbestritten, dass die safawidischen Hofteppiche des 16. Jahrhunderts nie wieder erreichte Meisterwerke der Knüpfkunst darstellen.

Bei aller Einigkeit über Erdmanns Fehleinschätzung: eine wirkliche Grundlagenforschung über seine Theorie hat nie stattgefunden. Es ist das Verdienst von Jim Ford, die Revolution des persischen Teppichdesign, ihren Ausgangpunkt und ihre Wirkung, zum Gegenstand einer breit angelegten Untersuchung gemacht zu haben. Herausgekommen ist eine glänzend recherchierte, opulent illustrierte Hypothese über die persische Teppich-Tradition, nach Ford – und insoweit übereinstimmend mit Erdmann –  ein Gestaltungskonzept, das sich im 15. Jahrhundert, ausgehend von der Miniaturmalerei entwickelt habe und das bis heute Grundlage des persischen Teppichs geblieben ist. Die „Revolution“ fand also in der Buchkunst statt und wurde für den Teppich adaptiert. Und in der Tat zeigen Teppiche auf Miniaturen bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts sich wiederholende Muster abstrakter geometrischer Formen, meist im unendlichen Rapport. Allerdings haben sich persische Teppiche aus dieser frühen Zeit mit Ausnahme eines kleinen Fragments im Athener Benaki-Museum leider nicht erhalten. Etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts deutet sich ein Wande anl; auf Miniaturen sieht man nun Teppiche mit einem zentralen Medaillon, das aus den geometrischen Formen abgeleitet zu sein scheint. Auch solche Teppiche, wenn es sie denn gegeben hat, sind nicht erhalten. 1459 schließlich schuf ein Miniaturist aus Schiras eine Frontispiz-Illumination, die nach Meinung des Autors Ausgangpunkt für eine erste Gruppe großformatiger persischer Teppiche werden sollte, von denen sich etwa 80 Exemplare und eine Anzahl Fragmente erhalten haben. So weit so gut, aber genau hier kommt einem die Metapher von der Henne und dem Ei in den Sinn. Könnten es nicht auch tatsächlich existierende Teppiche gewesen sein, die von den Miniaturisten als bloßes Beiwerk für ihre narrativen Illustrationen, etwa als Unterlagen für die abgebildeten Personen oder Szenen übernommen wurden? Gewiss, die Miniaturmalerei und die Buchkunst scheinen uns heute als eine dominierende Kunstform jener Zeit aber über den Stellenwert der mangels erhaltener Exemplare uns nicht bekannten Teppichkultur wissen wir bis auf die Berichte von Reisenden, dass es Teppiche in großer Zahl gegeben hat, so gut wie nichts. Es ist durchaus vorstellbar, dass Teppiche weitaus populärer waren als die für eine kleine gebildete Oberschicht bestimmte, mit Miniaturen versehene Literatur.

Wie dem auch sei, der chinesische Einfluss sowohl auf die timuridische Miniaturmalerei in Schiras und Herat im 15. Jahrhundert ebenso wie auf die frühesten erhaltenen persischen Teppiche ist unverkennbar. Die meisten der Teppiche jener frühen Gruppe zeigen neben vielen anderen aus der chinesischen Formenwelt entlehnten Motiven eine unübersehbar aus dem chinesischen Wolkenkragen abgeleitete, zentrale Medaillongestaltung. Die Herkunft dieser großen, relativ grob und oft nachlässig  geknüpften Teppiche vermutet Ford nicht, wie meist angenommen wird, in Täbris, sondern in kommerziell betriebenen Werkstätten der schon genannten timuridischen Hochburgen. Mit der Machtübernahme durch die Safawiden und in den neuen Hauptstädten Täbris und Isfahan vollzieht sich dann innerhalb weniger Jahrzehnte durch eine erstaunliche Erhöhung der Knüpfdichte sowie technische und ästhetische Perfektionierung eine Art zweite Revolution, die im 16. Jahrhundert zum absoluten Höhepunkt persischer Knüpfkunst führt.

Fords Argumentation und Beweisführung ist logisch, gründlich und detailliert, gut lesbar und sie wird unterstützt durch ein wahres Prachtfeuerwerk von Abbildungen persischer Teppiche des 15. und 16. Jahrhunderts, an denen man sich kaum sattsehen kann. Detailfotos, Querverweise, ein Foto- und Standortverzeichnis der vorgestellten Teppiche zwingen – sehr zum Vorteil für das tiefere Verständnis des Themas – zur intensiven Nutzung des Buches. Das alles gilt auch für die nicht weniger interessanten und ebenso reich illustrierten Teile oder Kapitel des Buches, aus denen der Leser erfährt, wie sich das aus der Designrevolution entstandene Gestaltungsprinzip in anderen Knüpfzentren oder Regionen Persiens, etwa in Keshan, Mahal, Heriz oder Ferahan ebenso wie in dörflichen und nomadischen Knüpfarbeiten, etwa der Bachtiaren oder der unter der Kamseh-Föderation zusammengefassten Stämme, ja sogar in Indien, im Kaukasus oder in Anatolien zwar nicht durchweg durchgesetzt aber sicher bis in die jüngste Zeit Wirkung entfaltet hat. Jim Fords „Persian Carpet Tradition“ beschert jedem am persischen Teppich Interessierten ein uneingeschränktes Lese- und Sehvergnügen

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