Qarajeh to Quba – Rugs and Flatweaves from East Azarbayjan and the Transcaucasus

Qarajeh to Quba – Rugs and Flatweaves from East Azarbayjan and the Transcaucasus

Autor/en:        Raoul E. Tschebull

Verlag:           HALI Publications Ltd., Near Eastern Art Research Center

Erschienen:    London 2019

Seiten:            256

Buchart:         Hardcover

Preis:              GBP 71,00

ISBN:             978-1-898113-61-4

 

Kommentar:  Michael Buddeberg

 

Ulrich Schürmanns 1961 erschienenes Buch über Kaukasische Teppiche setzte für Jahrzehnte Maßstäbe. Teppiche aus dieser geographischen Region zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer erhielten Namen und Herkunft und neben der plakativen, geometrischen Formensprache und den leuchtenden Farben war diese Klassifizierbarkeit wohl auch ein Grund für die Beliebtheit kaukasischer Teppiche in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Auch Raoul Tschebull benutzte in seinem ein Jahrzehnt nach Schürmann publizierten Buch „Kazak: Carpets of the Caucasus“ diese Nomenklatur, die bis heute im Handel und bei Sammlern weitgehend Bestand hat. Doch ausgehend von einem äußerst differenzierten System von Herkunftsbezeichnungen durch den aserbaidschanischen Teppichdesigner Latif Kerimov, vor allem aber durch die fast aufdringliche Art und Weise, wie das noch junge Staatsgebilde Aserbaidschan einen Teil seiner Identität aus einer allein für das turksprachige Volk der Azeri beanspruchten Tradition des Knüpfhandwerks herleitet, hat Bewegung in Schürmanns Systematik des kaukasischen Teppichs gebracht. Zu Recht, denn ganz sicher sind viele der von Schürmann meist von armenischen Händlern übernommenen Namen falsch und irreführend aber ebenso sicher ist der aserbaidschanische Alleinstellungsanspruch für alles Geknüpfte und Gewebte aus dem Kaukasus angesichts der sprichwörtlichen ethnischen Vielfalt dieser Region als eines klassischem Durch- und Rückzugsgebietes zwischen Ost und West nicht aufrecht zu erhalten. Ein interessanter und brisanter Diskussionsstoff aber auch ein Thema für eine ernsthafte Untersuchung ist diese Herkunftsdiskussion allemal.

Raoul Tschebull, der schon 1971 in der New Yorker Asia Society eine der ganz frühen Ausstellungen kaukasischer Teppiche kuratiert hat, ist diesem Thema ein ganzes Sammlerleben treu geblieben. Für viele nur ein „Sesam-öffne-dich“ für weitere verborgene Teppichwelten, blieb der Autor von diesen kaukasisch-aserbaidschanischen, durch ihre Mustervielfalt und Farbqualität ausgezeichneten Teppichen und Flachgeweben länger als ein halbes Jahrhundert fasziniert und hat in dieser Zeit nicht nur ein enzyklopädisches Wissen sondern auch eine exzeptionelle Sammlung zusammengetragen. Die Highlights seiner Collection hat der Autor nun in einem vom Hali-Publications-Team professionell gestalteten, Prachtband im Großformat 35×26 cm  vorgestellt. Zu sehen sind 63 Teppiche und Flachgewebe, die mit ihrer farbgetreuen Wiedergabe und vor allem mit den oft doppelseitigen 1:1-Detailansichten dem originalen Eindruck dieser dreidimensionalen Kunstwerke so nahe kommen, wie dies eine zweidimensionale Wiedergabe nur eben vermag.

Der Titel des lange als „Azerbaijan and Caucasian Weavings“ angekündigten Buches ist erklärungsbedürftig und gewiss den eingangs geschilderten Bezeichnungsdifferenzen geschuldet. Mit „Qarajeh to Quba“ ist in etwa die geographische Herkunft der Sammlung zwischen den Dorf Karadscha unweit von Täbris in der iranischen Provinz Ost-Azarbayjan und der Kleinstadt Kuba im Norden des Staatgebietes von Aserbaidschan umrissen, während der Hinweis auf den Transkaukasus die von vielen Ethnien bevölkerte Region südlich des Großen Kaukasus mit einbezieht. Wer nun eine geographische und eine politischer Karte zur Hand nimmt und weiß, wie viele Stämme hier siedeln und welch unterschiedliche Sprachen gesprochen werden, dem ist schnell klar, dass es zwischen geographischen, politischen und ethnischen Herkunftsbezeichnungen keine Übereinstimmungen geben kann.

Raoul Tschebulls Sammlung und sein wunderbares Buch bestätigen wieder einmal die alte Weisheit, dass eine Sammlung mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Objekte, dass sie über diese hinaus einen Zugang zur Person des Sammlers öffnet und mit den von ihm gesetzten Schwerpunkten einen neuen Blick auf das Sammlungsgebiet ermöglicht. Dass das in ganz besonderem Maße gilt, wenn, wie hier, der Sammler auch der Autor ist, wird schnell klar. Über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert haben Sammeln und Forschen in einer einzigartigen Symbiose Raoul Tschebull einen Wissensschatz erwerben lassen, der es ihm ermöglicht, kenntnisreich, kompetent und dennoch locker über seine Teppiche und Flachgewebe zu plaudern, sie zeitlich und geographisch zu verorten, Parallelen zu ziehen, Vergleichsstücke zu finden, Einflüsse zu entdecken und manche ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Und es ist nicht falsche Bescheidenheit, sondern die Erkenntnis des Wissenden, wenn Tschebull feststellt, dass es mit diesen Kenntnissen schwieriger wird je länger man sammelt und studiert. Die vollkommen fehlende, zeitgerechte Feldforschung auf diesem Gebiet, die auch der Autor auf seinen Reisen in die Region im späten 20. Jahrhundert nicht mehr nachholen konnte und die durch Händlerwissen und Händlerlatein schon gar nicht zu ersetzen ist, führen dazu, dass Altersangaben fast gänzlich fehlen. Das Alter sei auch nicht so wichtig, wenn es sich um eine ehrliche und schöne Arbeit handelt, meint der Autor.

Und ehrlich und schön sind sie alle, außergewöhnlich oft auch. Und wenn es sich auch fast ausnahmslos um Erzeugnisse des 19. Jahrhunderts handelt, so unterscheidet Tschebull deutlich zwischen der Produktion für den Eigengebrauch und der vom Handel beeinflussten und schon früh einsetzenden Kommerz- und Exportware. Doch der vorhandene, reiche Musterschatz und die Woll- und Farbqualität hatten in der Region ein solches Niveau, dass gleichwohl bis ins späte 19. und frühe 20. Jahrhundert außergewöhnliche und sammelnswerte Stücke entstanden. Und so fällt es schwer, einzelne Objekte oder Gruppen aus dem Sammlungskonzept herauszugreifen. Bei den Erzeugnissen aus Ost-Azarbayjan sollen es die dem Ort Sarab zugeschriebenen Teppiche im schmalen „kennereh“-Format sein, deren reiche Verwendung naturbelassener beiger Schafwolle ihnen einen besonderen Charakter verleiht, ein seltener, kleiner Heris oder die flachgewebten Jajims mit ihrer in regelmäßigen Streifen wiederkehrenden Farb- und Musterharmonie. Im Transkaukasus liegt der Schwerpunkt bei den Teppichen aus Kasak und die als „Lori Pambak“ und „Borjalu“ oder auch nur als „Kazak“ bezeichneten Exemplare gehören zu den schönsten ihrer Art. Der Zustand der Teppiche ist meist optimal aber Tschebull scheut sich nicht, auch die stark verbrauchte „Ruine“ eines Teppichs oder auch ein reines Fragment in die Sammlung einzureihen, wenn nur Farbqualität und Muster stimmen. Und so gerät jedes der 63 Objekte dank der optimalen bildlichen und schriftlichen Präsentation ganz unabhängig von der umstrittenen Herkunfts-Sprachregelung zu einem sinnlichen und ästhetischen Genuss.

 

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