Breaking out of Tradition – Japanese Lacquer 1890-1950

Breaking out of Tradition – Japanese Lacquer 1890-1950

Autor/en:        Jan Dees

Verlag:           Hirmer Verlag

Erschienen:    München 2020

Seiten:            224

Buchart:         Klappenbroschur

Preis:              45,00

ISBN:             978-3-7774-3153-6

Kommentar:  Michael Buddeberg

 

Als 1853 Commodore Matthew Perry mit einem Geschwader schwarz bemalter, unheilkündende schwarze Rauchwolken ausstoßender Kriegsschiffe vor der japanischen Küste auftauchte und die Öffnung des seit Jahrhunderten  von der Außenwelt abgeschotteten Japan forderte, begann ein Prozess, der Japan die gewaltigsten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen seiner Geschichte bringen sollte. Die Abdankung der noch in mittelalterlichen Strukturen befangenen Shogun, die Wiedereinsetzung des Kaisers und die forcierte Annäherung an den Westen katapultierten Japan zur ersten Industrienation des asiatischen Kontinents. Doch dieser Prozess verlief weder zwangsläufig noch reibungslos und – erstaunlich genug – das traditionelle japanische Kunstgewerbe spielte dabei eine wichtige Rolle. Japans Anstrengung, Anschluss an die westliche Industrialisierung zu finden ebenso wie die durch die Teilnahme Japans an Weltausstellungen steigende Nachfrage des Westens nach japanischen Waren setzten die Ursachen für einen Kollaps des japanischen Kunsthandwerks. Massenfertigung nach westlichem Vorbild, das Primat von Exportware mit verminderter Qualität und zweifelhafter Schönheit führten zum raschen Verlust von Tradition und Know How. Doch die Wende kam relativ rasch. Schon zum Ende der Meiji-Zeit (1867-1912), vor allem aber in der Taisho-Zeit (1912-1926) besannen sich Handwerk und Intellekt, ja sogar Gesellschaft und Politik des bedeutenden Erbes japanischer Handwerkskunst und es kam zu einer Renaissance des japanischen Kunsthandwerks.

Dieser Renaissance im Bereich der Lackkunst – erfasst wurde der Zeitraum von 1890 bis 1950 – war ein gemeinsames Ausstellungsprojekt des Museums für Lackkunst in Münster und des Rijksmuseums in Amsterdam gewidmet. Der nach dem Ende der Ausstellung bleibende Katalog trägt den Titel „Breaking out of Tradition“, frei übersetzt „Überwindung der Tradition“ und über ihn wird noch zu reden sein. Zunächst werden in der Einleitung und in einem Essay des Gastkurators der Ausstellung und Katalogautors Jan Dees die historischen Wurzeln und vor allem die Bedeutung und Entwicklung der japanischen Lackkunst von 1600 bis 1890 dargestellt, von der Blüte in der Tokugawa-Zeit (1603-1868), dem Niedergang dieses Kunsthandwerks in den frühen Jahren der Meiji-Ära und wie die Weltausstellungen, vor allem Wien 1873 und Paris 1878, zu einem Umdenken und einem Neustart der Lackkunst führten: Nicht mehr die Portugiesen und Holländer präsentierten japanische Waren auf den internationalen Märkten sondern die Japaner selbst – und sie wurden immer besser.

Nach dem eher misslungenen Start industrieller Produktion von Kunst besann sich Japan langsam auf die eigene Identität, auf eigene Traditionen und auf die Fertigkeiten, die man seit Jahrhunderten beherrschte. Parallel zu ähnlichen Entwicklungen bei Keramik und Metallkunst gründete sich 1890 die Japan Lack Society. Doch eine vom Westen übernommene Wertung, dass Lackarbeiten nicht wie Malerei und Skulptur als Kunst sondern abwertend als angewandte oder Gebrauchskunst anzusehen seien, war für die Entwicklung dieser Kunstform eher kontraproduktiv. So waren Lackarbeiten – ebenso wie Porzellan und Metall – von der jährlichen staatlichen Leistungschau japanischer Kunst, der so genannten „Bunten“, ausgeschlossen. Erst 1927 öffnete sich diese Ausstellung, nunmehr „Teiten“ genannt, dem Kunstgewerbe. Seither erlebten die angewandten Künste, allen voran die Lackkunst, eine neue Blüte, eine Öffnung zum Zeitgeist, eine Hinwendung zu Innovation und Experiment.

Die siebenundsechzig mit dem Katalog vorgestellten, handwerklich und künstlerisch herausragenden Objekte von 44 japanischen Lackmeistern, ein Dutzend aus japanischen Museen ausgeliehen, sonst aber weit überwiegend aus der Sammlung des Rijksmuseums, veranschaulichen, chronologisch geordnet, die Entwicklung japanischer Lackarbeiten in den sechzig Jahren von 1890 bis 1950. So, wie die Weltausstellungen von Wien und Paris die Japanmode, den „Japonismus“ in Europa und damit Stilentwicklungen wie Arts and Crafts und den Jugendstil aber auch den Aufbruch der Malerei in die Moderne wesentlich beeinflussten, so haben diese europäischen Strömungen gleichsam in entgegengesetzter Richtung japanisches Design befruchtet. Jugendstil und – später – Art Deco können Pate stehen für viele der vorgestellten Arbeiten. Deren Zweckbestimmung indessen, überwiegend Schreibschatullen, Dosen, Schachteln und andere Behälter, Tabletts bis hin zu kleinen Möbeln, vor allem aber die weit überwiegend angewandten Lacktechniken wie vor allem die kunstvolle Verwendung von Gold- und Silberpartikeln – die unvergleichliche Maki-e-Technik – und die Verzierung mit Einlagen aus Perlmutt, Zinn oder Silber, wurzeln tief in der uralten und japantypischen Tradition kunstvoller Lackverarbeitung. Der Katalog kündet daher weniger von einem „Break out of Tradition“ oder einer „Überwindung der Tradition“ als vielmehr von einem spannenden und gelungenen Weg von einer in Isolation gewachsenen Kunstform in ihre internationale Präsenz.

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