Schmuck der Maharajas – Aus den Schatzkammern indischer Fürsten

Autor/en: Hans Weihreter
Verlag: Deutscher Kunstverlag
Erschienen: München und Berlin 2013
Seiten: 168
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 24,90
ISBN: 978-3-422-07182-7
Kommentar: Michael Buddeberg, April 2013

Besprechung:
Schmuck und Juwelen, kostbare Steine und Diamanten, Gold und Silber haben die Menschen seit jeher fasziniert, sind Kristallisationspunkt menschlicher Leidenschaften – guter ebenso wie schlechter. Pfand der Liebe und Treue, Ausdruck höchster Ästhetik, Objekt der Begierde, Zeichen von Reichtum und Macht, Anlass für Ruin und Verfolgung – Juwelen haben die Welt bewegt und dies nirgendwo so sehr wie auf dem indischen Subkontinent. Als etwa der Perserkönig Nadir Schah 1739 das Reich der Mogul-Kaiser eroberte, war das die größte Plünderung der Weltgeschichte und der Wert der in vielen Karawanen aus Delhi abtransportierten Schätze wird auf weit über eine Milliarde Euro geschätzt. Doch nicht nur indische Kaiser und Maharajas haben sagenhafte Schätze gesammelt und gehortet – auch mancher Tempel verfügt aufgrund reicher Gaben von Gläubigen und Pilgern über märchenhafte Schatzkammern. Gleich ein halbes Dutzend solcher zugemauerter und seit mehreren Jahrhunderten vergessener Schatzkammern wurde im Februar 2011 in einem Hindu-Tempel in der südindischen Stadt Thiruvananthapuram entdeckt. Was dort an historischen Goldmünzen, kostbarem Gerät, Diamanten, Rubinen und Smaragden, vor allem aber an traditionellem indischen Schmuck gefunden wurde, stellt selbst die Beute von Nadir Schah weit in den Schatten. Auf 15 Milliarden Euro schätzen Experten ohne Berücksichtigung der archäologischen und kunsthistorischen Bedeutung allein den Materialwert dieses Tempelschatzes. Gemessen daran ist der „Schmuck der Maharajas“, wie er bis zum 1. September im Augsburger Schaezlerpalais zu sehen ist nur eine Kostprobe. Doch die 76 Objekte aus einer süddeutschen Privatsammlung vermitteln einen hervorragenden Überblick über indische Schmuckformen und Schmuckstile vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Zu sehen sind kleine, aber kostbare Kunstwerke von den Juwelieren der Mogulkaiser, Amulette, Zierknöpfe und Jadeobjekte, prächtiger Schmuck aus Gold und edlen Steinen für edle Damen und Herren aus den Schatzkammern rajputischer Fürsten und schließlich der sich durch vielfältige Techniken auszeichnende Goldschmuck des nomadischen Rubari-Volkes als repräsentatives Beispiel für die unendliche Vielfalt indischen Volksschmucks. Der Katalog aus der Feder des Augsburger Experten für indischen Schmuck, Hans Weihreter, enthält nicht nur genaue Beschreibungen und großformatige Abbildungen – oft von Vorder- und Rückseite – jedes einzelnen Objektes, sondern ist darüber hinaus ein Führer und Wegweiser in die reiche Welt indischer Mythen, Märchen und Legenden, ohne die die unvergleichliche Vielfalt an Formen, Materialien und Techniken indischen Schmuckschaffens gar nicht denkbar wäre. Gold als die irdische Entsprechung der alles durchdringenden Kraft der Sonne und Silber, das kühle Mondmetall, sind Gegensätze wie Feuer und Wasser und stehen für die elementare Verkörperung des Dualismus zwischen dem männlichen Prinzip und weiblicher Energie. Hinzu kommt die komplizierte Symbolik der Edelsteine, die Zuordnung von Diamant, Rubin, Smaragd und Topas, aber auch von Perlen und Korallen zu Sonne und Mond und zu den Planeten, zu Himmelsrichtungen und Wochentagen, ihre segensreiche oder auch bösartige Wirkung und ihre Kraft Leiden zu heilen und Dämonen zu vertreiben. All diese komplexen Vorstellungen haben direkten Einfluss auf die Gestaltung und den Dekor von Schmuck, vor allem aber auf die Art, Schmuck zu tragen. Weihreter gelingt es aber nicht nur, in diese immaterielle Dimension indischen Schmucks einzuführen, er vermittelt darüber hinaus eine Fülle historischer Fakten und technischer Informationen, die uns den Schmuck mit anderen Augen betrachten lassen. Die geistigen und politischen Grundlagen des Mogulreiches, die religiöse Toleranz der Kaiser Babur und Akbar, der zunehmende Einfluss Europas und die frühe Globalisierung von Kunst und Kultur schufen die Voraussetzungen einer einzigartigen höfischen Kultur, in der Elemente des alten Indien mit der islamischen Kunst des Iran und Turkestans und schließlich des barocken Europa eine der eindrucksvollsten Kunstrichtungen in der langen Geschichte Indiens formten. In der Schmuckkultur der nordindischen Fürstenhöfe konnte sich diese einzigartige Hochkultur bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten. Ihre typische und besonders attraktive Technologie ist die Kundan-Fassung, bei der Gold und Schmucksteine, hier insbesondere Rubine, Smaragde und Diamanten zu einer harmonischen Einheit verbunden werden. Wird dann noch zartfarbene Jade mittels dieser Kundan-Technik mit Gold und bunten Steinen inkrustiert, ist der Gipfel mogulischer Ästhetik erreicht. Hinzu kommt, dass indische Juweliere die Schmucksteine überwiegend nicht in geschliffener Form, sondern als Cabochons verwenden und großen Steinen durch geschnittene Profile Kontur verleihen. Weitere Schmuck-Techniken sind Pietra Dura, bekannt vor allem aus der Architektur der Mogul-Ära, feinster Dekor in Goldgranulat beim Volksschmuck der Rabari und schließlich die aus Europa übernommene Kunst des Emaillierens, mit der, ganz im Stil der Mogulzeit bunte, paradiesische Blumen und Blütenstauden aber auch Tiere und figürliche Szenen dargestellt werden. Dass sich dieser Blumendekor für den Außenstehenden unsichtbar meist auf der Rückseite des indischen Schmuckes findet, ist eine Bestätigung dafür, dass indischer Schmuck fast immer die doppelte Funktion besitzt, den Träger oder die Trägerin nicht nur zu schmücken, sondern auch vor Unheil und Ungemach zu schützen. „Schmuck der Maharajas“ ist ein sehr lesenswertes Buch sowohl über indischen Schmuck als auch über indische Kultur- und Geistesgeschichte.

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